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So will pro-micron die Metallwirtschaft smarter machen

Der Bayerische Innovationspreis geht 2020 auch nach Kaufbeuren. Das Unternehmen pro-micron hat mit der nachrüstbaren oder ab Werk lieferbaren Spike-Reihe ein Produkt entwickelt, welches die Qualität der zerspanten Teile noch während sie gefertigt werden überwacht und bei sich anbahnenden Problemen entsprechende Gegenmaßnahmen einleitet. Im Interview erklärt Geschäftsführer Hubertus von Zastrow, wie er und sein Team mit der Innovation die Wirtschaft voranbringen möchte.

Produktionshalle neues Gebäude
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B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Gewonnen hat beim Bayerischen Innovationspreis eine pro-micron Produktreihe namens Spike. Ganz kurz gesagt: Was steckt dahinter?
Mit Spike kann man während der Werkstückbearbeitung beispielsweise die zu erwartende Oberflächenqualität bewerten, oder feststellen, ob eine Bohrung gerade oder verlaufend - also übertrieben gesprochen - ungewollt in Bananenform  - eingebracht wird. Das heißt konkret: Durch diese Überwachung kann unser Kunde Schlechtteile automatisiert identifizieren, und beispielsweise Werkzeuge zum optimalen Zeitpunkt tauschen, bevor sie Ausschuss produzieren. Das reduziert Ausschusskosten und erhöht die Produktivität, weil Werkzeugwechsel beispielsweise erst dann erfolgen, wenn sie wirklich erforderlich sind, statt alle - sagen wir - 1.000 Teile. Auch die Überwachung hochwertiger Kleinserien profitiert ähnlich stark.
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Wo kommt dort dann das Stichwort „smart“ unter?
Mit spike messen wir die Wirkkräfte des Fräsers, des Bohrers oder der Schleifscheibe, die in der Bearbeitung auf das Bauteil treffen. Unser Kunde kann mit dem so genannten spike_polar jede einzelne Schneide während der Bearbeitung beobachten, und somit erkennen, ob eine Schneide beginnt auszubrechen, was eine entsprechend schlechte Oberfläche produzieren würde. So kann man leistungsfähigere von weniger leistungsfähigen Werkzeugen leicht unterscheiden und die Maschinenparameter so optimieren, dass das gewünschte Ergebnis mit möglichst wenig Kraftaufwand erzielt wird.Bislang wurde spike als Diagnosetool eingesetzt, um Fehlerursachen zu diagnostizieren. Daten konnten auf einen Laptop gesendet und der Prozess anschließend optimiert werden. Heute werden die Informationen nicht nur auf den PC übertragen, sondern auch an die betreffende Maschinensteuerung und zukünftig bei Bedarf auch in die Firmencloud des Kunden. Spike kommuniziert quasi vollintegriert von selbst mit der Maschine, und nutzt eigens durch unsere Prozessingenieure entwickelte Algorithmen, so genannte spike_kpi‘s, um selbständig die richtigen Maßnahmen einzuleiten.
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Wenn der Prozess also ohne Menschen auskommt, optimiert er sich selbst
Mitarbeiter werden unsere Kunden immer brauchen, jedoch in anderen Einsatzformen. Langweiligere Tätigkeiten werden durch mehr projektorientierte Aufgaben ersetzt. Derzeit wird, nicht nur für unser Unternehmen das Thema künstliche Intelligenz in der Fertigung sehr interessant. Hier arbeiten wir mit dem ISSE Institut der Universität Augsburg daran, dass die Werkzeuge selbstlernend mit den Spikedaten vorab erkennen, ob ein Fehler vorliegt oder nicht, um den Experten entsprechend frühzeitig darauf hinzuweisen, dass sich die Ausschusswahrscheinlichkeit erhöht, bevor tatsächlicher Ausschuss produziert wird. Hier lassen sich für die ganze Wertschöpfungskette, also die Maschinen- und Werkzeugbauer, aber auch die Kühlstoffmittel und Rohmaterialhersteller noch viele neue Kundennutzen erzeugen. Daher arbeiten wir sehr eng mit unseren Partnern der Wertschöpfungskette zusammen. Mit den Berufsschulen beginnen wir zusammenzuarbeiten, um die zukünftigen Zerspanungstechniker auf den Wandel vorzubereiten.
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Bei der Vergabe des Bayerischen Innovationspreises bezeichnete der bayerische Wirtschaftssekretär Roland Weigert die Sieger als „Treiber der Wirtschaft“. Welche Branchen möchte pro-micron besonders „antreiben“?
Wir möchten mit dem Spike überall dort zum Einsatz kommen, wo Metall und zukünftig auch Holz oder CFK zerspant wird. Das ist in vielen Branchen der Fall, etwa in der Automobilindustrie, in der Luftfahrt, aber auch in der Medizintechnik und in der Kunststofftechnik.  Wir haben in Deutschland in der Metallbearbeitung im Jahr 2019 rund 100 Milliarden Umsatz erwirtschaftet. Daran beteiligt waren gut 247.000 Mitarbeiter. Wir sprechen also von einer wesentlichen Branche – übrigens auch in der Region: Die Grob Werke in Mindelheim und DMGMORI in Pfronten als Maschinenbauer, oder der viertgrößte Zerspanwerkzeughersteller der Welt, Ceratizit, sind eine der größten Arbeitgeber im Allgäu. Und in eben diesem metallverarbeitenden Bereich sind wir aus Deutschland heraus auch weltweit führend. Es ist wichtig für die Wirtschaft, dass das so bleibt. Dazu möchte auch pro-micron seinen Beitrag leisten.
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Wie viele smarte Werkzeug-Überwacher sind dann schon im Einsatz?
Weltweit sind es einige tausend. Aber der Markt ist natürlich um ein Vielfaches größer, denn wir stehen ja gerade noch im Rollout. Wir haben also in Zukunft ein großes Potential, welches wir voll nutzen möchten. Schon heute erwirtschaften wir 38 Prozent unseres Umsatzes in Asien.
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Was bedeutet das für Bayern und insbesondere das Allgäu?
Im Dezember haben wir unseren eigenen, neuen Firmenstandort, direkt an der B12 bezogen. Mit über 6 Millionen Euro Investition in Kaufbeuren bauen wir unsere Entwicklungs- und Fertigungskapazitäten aus, um mit spike den Standard in der digitalen Zerspanung zu setzen – gemeinsam mit unseren Partnern der Wertschöpfungskette.spike

Hilft die Auszeichnung des Freistaats auch bei diesem Plan?
Allerdings, denn sie gibt uns Rückenwind, dass wir uns strategisch und technologisch auf dem richtigen Weg befinden und erhöht unseren Bekanntheitsgrad. Auch wenn wir schon lange an der Innovation gearbeitet haben und damit auch wirtschaftlichen Erfolg haben, bedienen wir bislang nur einen ganz kleinen Marktanteil. Bei dem Ziel, diesen auszubauen, hilft die Auszeichnung sehr. Auf die Videos, die unsere Innovation erklären und die uns das Wirtschaftsministerium als Teil des Preises gestiftet hat, haben wir viel positives Feedback bekommen. Jetzt gerade sind wir dabei, diese ins Englische und Chinesische zu übersetzen. Denn ein Preis von Bayern gilt weltweit.

Michael Ermark, 4B4 Wirtschaftsleben Schwaben